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Franz Josef Degenhardt Eyecatcher

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  • 04.12.2007
    Franz Josef Degenhardt | Franz Josef Degenhardt Franz Josef Degenhardt 04.12.2007 | Er hat es wieder getan!
    Franz Josef Degenhardt Artist

    Manche Leute werden im Alter immer produktiver: Franz Josef Degenhardt hat also noch mal nachgelegt. Nach "Dämmerung“, das erst vor anderthalb Jahren zu seinem 75. Geburtstag erschien, hat er für "Dreizehnbogen“ wieder zehn neue Lieder aufgenommen. Und diese füllen nicht nur aufgrund ihrer Anzahl ein Speichermedium. Sie ergeben zusammen das, was man früher mal ein Album nannte. Eine zu einer übergeordneten Einheit zusammengefasste Sammlung von Stücken, die in einem inhaltlichen – textlich wie musikalisch – inneren Zusammenhang stehen.

    Dabei behandeln die neuen Lieder selbstverständlich Politisches wie Persönliches, so genanntes Privates. Denn dass diese Sphären zusammengehören, und zwar vor allem und erst recht in der Kunst, hat in den vergangenen Jahrzehnten kaum jemand so virtuos vorgeführt wie Franz Josef Degenhardt. Auch auf "Dreizehnbogen“ versteht er es, äußerst poetisch, lyrisch gekonnt und obendrein auf sehr unterhaltsame Weise, diese Themen – Zustände und Befindlichkeiten – zusammenzuführen, sie, wie man so schön sagt, zu verdichten und dadurch kenntlich zu machen.

    Das Auftakt-Stück der CD, Digitaler Bohemien, ist eine Art Alltags-Skizze. Degenhardt zeichnet mit ein paar Federstrichen das Bild vom musizierend in sich versunkenen Kaufhausmusikanten, um darauf die verhallten Aufstiegs-Träumereien einer nun sozial abgehängten Lifestyle-Intelligenzia zu projizieren. Diese entlarven sich dabei als das, was sie waren und sind: Hirngespinste. Passend dazu die abgespeckte Straßen-Combo mit Akustik-Gitarre im 3/4-Takt, Bass, kofferverstärkter Elektrischer und Mundharmonika.

    Von einer anderen Seite wird die Angelegenheit noch einmal in Die Ernte droht beleuchtet; einer Gipsy-Swing-Ballade im Stile Georges Brassens’, in der das aufgeregte, gesellschaftliche Szenario beim Zerplatzen der neoliberalen Erwartungsblase im heiter-zynischen Tonfall und in humorigen Metaphern besungen und auf den Punkt gebracht wird: "...und auf dem Berge Ararat / die nachgebaute Arche hat / für ganz kostbare Tiere Platz: / der Milliardäre Hund und Katz.“

    Dass Degenhardts rebellischer Geist und seine Poesie Wurzeln haben in der Jugendbewegung, zeigt sich auch auf "Dreizehnbogen“. Zu einem Gemälde seiner Schwägerin Gertrude Degenhardt, "Le bon vieux temps“, singt er die Homage an – vielleicht auch den Abgesang auf – "die Letzten vom Gonsbachtal“, die auf ihrer Bootsfahrt Den Fluss hinunter, üppigst tafelnd, ihre melancholisch-munteren Lieder singend, träumen von diesem anderen Land hinter dem Horizont, wo, wenn schon nicht Milch und Honig fließen, wenigstens keine Eliten herrschen.

    Offensichtlich An der Quelle desselben Flusses spielt die Szene des gleichnamigen zweiten Titels in Folksong-Tradition. Figuren aus dem Werk Carl Michael Bellmanns treten auf, Metaphern aus dessen Lied "Weile an dieser Quelle“ werden verarbeitet zu einem eben dieser sentimental-frischen Songs, mit dem sich der Sänger, inmitten seiner Kumpane, den

    Freunden und Genossen von damals und von dieser Zeit, das Leben feiernd, den Tod einmal mehr vom Halse singt. "Niemals etwas anderem dienen / als der Lust und unserem Ziel!“, heißt es da, und damit fasst Degenhardt en passant den kategorischen Imperativ seines Schaffens zusammen.

    "Ja, ich hab’ mein Schicksal längst beschlossen / als ich mich zum Widerspruch entschied ...“, geht es weiter in Jeder Traum, der Vertonung und Bearbeitung eines Louis-Fürnberg-Gedichts aus den Fünfzigerjahren. Es ist eins von zwei Stücken, das FJD allein, leise und sehr eindringlich, zur akustischen Gitarre bringt: " ...Wenn ich singe, Freunde und Genossen / gehen unsere Träume durch mein Lied.“

    Das zweite Solo-Stück heißt Krieg ist Krieg und steht für ein zentrales inhaltliches Leitmotiv der Platte. Dieses gipfelt im Song Die Kartusche, einer Hommage auf den schrulligen Deserteur und Friedensaktivisten Onkel Heinz, der sinnbildlich für die politische Grundlektion der deutschen Nachkriegsgeneration steht. "Nie wieder Krieg / und Scheiß auf den Sieg“, heißt es im Refrain, und Degenhardt knallt ihn all jenen seiner früheren Mitstreiter vor den Latz, die ihren Marsch durch die Institutionen spätestens mit der Beteiligung am völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf Jugoslawien unrühmlich besiegelt und ihre antifaschistische Grundhaltung dabei geopfert haben.

    Die Adaption von Tucholskys Spottlied Das Leibregiment auf den universellen Kriegsveteranen, der seine Erlebnisse verherrlicht – begleitet von einer betrunkenen Militär-Blaskapelle – sowie die Vertonung von Theodor Fontanes Das Trauerspiel von Afghanistan, in der die für die Briten katastrophale militärische Niederlage im so genannten "Great Game“ um die schon damals angestrebte Vorherrschaft in Zentralasien – 1841 – beschrieben wird, verdeutlichen den historischen Zusammenhang und runden die Thematik ästhetisch ab.

    Das Album schließt mit dem 16-minütigen XXL-Titelstück Dreizehnbogen: Der Sänger ist wieder zu Besuch in der Unterstadt, beschreibt die neuen alten Schmuddelkinder-Viertel –Ecken, Höhlen, Parkplatz, Bahndamm, Kneipe und Blocks – trifft den wieder und die, unterhält sich über dies und das und lässt dabei alte und neue Geschichten, Episoden von damals und heute aufscheinen. Die Botschaft liegt dabei, wie bei einer Flaschenpost, im Inneren – man muss sie finden und für sich nutzen. Auch musikalisch ragt das Stück heraus: gelooptes Lo-Fi-Schlagzeug, akustische Slide- und E-Gitarren, stoischer Bass und eine wie aus einem frühen Dub-Reggae-Stück herübergewehte Melodica malen eine Atmosphäre, die man so jedenfalls noch nicht gehört hat – irgendwo zwischen Dylan, Davis und Morricone.

    Franz Josef Degenhardt hat nicht nur das Liedermacher-Genre in diesem Land begründet und gilt bis heute als der bedeutendste und einflussreichste Sänger der so genannten 68er-Bewegung. Er artikuliert über die Jahre hinweg auch wie kein Zweiter die kollektiven Stimmungen und Debatten dieses Landes und wirkt Zeit seines Schaffens maßgeblich daran mit, der hiesigen Gesellschaft zu einer neuen ästhetischen Sprache und einer auf Geschichtsverständnis beruhenden lyrischen Phantasie zu verhelfen.

    Er hat es wieder getan!

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